Buchladen Eisenherz

 

Der Buchladen Eisenherz hat Geschichte.

Für alle, die es noch nicht wissen: er existiert schon seit 1979, seit einer Zeit, in welcher die Homobewegung tatsächlich noch in ihren Kinderschuhen steckte, oder vielmehr anfing, erst krabbeln und dann laufen zu lernen.

Aus einem Szene-Treff und Kristallisationspunkt schwuler politischer Aktivisten und West-Berliner Intelligenzia, Literaturliebhaber, selbsternannten Diven und Klatschtanten, die maßgeblich die schwule Kulturlandschaft des heutigen Berlins mit-geprägt haben, wurde schnell eine Fachbuchhandlung mit Schwerpunkt Homosexualität.

Ein kleiner Laden in der Bülowstrasse, dessen Regale bald nicht mehr ausreichen sollten, die Publikationen von und zum Thema, von den unermüdlichen Self-Made-Buchhändlern aus allen Winkeln dieser Welt zusammengesucht, zu fassen.

Deshalb zog man Mitte der 80er Jahre um in die Bleibtreustrasse nach Charlottenburg, damals West-Berlins buchhändlerisches Zentrum. Rund um den Savignyplatz gab es viele größere und kleine Buchhandlungen, die von der Präsenz vieler großer Verlage mit direktem Sitz und Auslieferung in der BRD-Insel-Stadt, sowie von gegenseitiger Kooperation (man schickte sich gegenseitig gerne mal Kundschaft in die jeweilige Fachbuchhandlung) und schicken Cafés in der direkten Nachbarschaft profitierten.

Hört man sich heute Geschichten von Kollegen aus dieser Zeit an, gewinnt man fast den Eindruck eines goldenen Zeitalters für den Buchhandel.

Der Buchladen Eisenherz wuchs also zu einem kleinen mittelständischen Unternehmen an, ohne seinen Charakter als schwuler Treffpunkt und sein Flair schwuler Bewegtheit zu verlieren. In dem charmanten Altbau begann sich die Literatur zu stapeln, Lesungen wurden organisiert, Kontakte wurden geknüpft, das schwule (buchhändlerische) Netzwerk wuchs über Stadt- und Landesgrenzen hinaus und schon bald genoss das Eisenherz einen internationalen Ruf als bestsortierte schwule Fachbuchhandlung.

Dabei schaffte es das Kollektiv aus Geschäftsinhabern, den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung zu meistern, ohne in das eine oder andere Extrem abzurutschen. Noch heute hebt sich der Buchladen durch die Spannbreite seines Sortiments hervor. Sowohl der Bibliophile und der literarisch Anspruchsvolle, sowohl der politisch oder historisch Interessierte-  als auch der Pornoliebhaber und Freund von einfacher Kurzweil fanden und finden stets ihre Ecken und Regale.

Nicht selten war Eisenherz auch Anlaufpunkt für junge Schwule in den Startschuhen ihres Coming-Outs. Die ungezwungene, aber gleichzeitig auch tranquile Atmosphäre des Buchladens ermutigte wahrscheinlich nicht wenige junge Männer, sich vorerst zumindest auf intellektueller Ebene dem Thema anzunähern.  

Heute ist es relativ schwer zu überschauen, wer von den immer noch existierenden Stammkunden und Ladenliebhabern auch schon Mitarbeiter im Eisenherz gewesen ist.

Die schnell wachsende Professionalität der führenden Köpfe des Ladens ermöglichte auch bald den Status eines Ausbildungsbetriebes.

Zwei von bis zu fünf engagierten schwulen Buchhändlern von damals sind übrig geblieben: Roland trat seine Stelle 1987 an, Franz stieß 1994 zum Team dazu. Heute führen beide das Geschäft und brillieren nicht nur durch ihr lexikalisches Wissen auf dem Gebiet schwullesbisch/queerer Literatur. 

Nach dem Mauerfall begann sich auch im buchhändlerischen Einzelhandel einiges zu verändern. Nach und nach verlor der Kiez um den Savignyplatz seine Attraktivität als buchhändlerisches Zentrum, Geld wurde langsam aber stetig immer knapper und Mitte der 90er Jahre trat dann das World Wide Web seinen Siegeszug an, der sich bis heute nicht nur im Buchhandel auch nachteilig auswirkte.

Ausserdem bemerkten auch andere Buchhandlungen und Kaufhäuser den Vorteil einer schwullesbischen Literaturecke in ihrem Sortiment. Wofür das Eisenherz einst eingetreten ist und gekämpft hat, wurde nun zu einer nicht zu unterschätzenden Konkurrenz.

Doch da ein gutes Unternehmen auch von Veränderung lebt, war es 2004 an der Zeit, mehrere Veränderungen vorzunehmen, wovon die größte der zweite Umzug des Ladens von der Bleibtreustrasse in die Lietzenburgerstrasse war. Im November 2013 zog der Buchladen dann ein drittes Mal von der Lietzenburgerstrasse direkt in das schwule Herz Berlins, in die Motzstrasse 23, um.

In den 90er Jahren hatte sich der Kiez rund um die Motzstrasse in Schöneberg als traditioneller Homo-Kiez verfestigt, was für unsere beiden Geschäftsinhaber sicherlich ausschlaggebend für die neue Standortwahl gewesen ist. Auch innerhalb des Sortiments wurde einiges umstrukturiert. Da es Berlin mittlerweile wieder an einem lesbischen Buchladen mangelte, wurde die lesbische Abteilung um ein Vielfaches erweitert, was zur Folge hatte, dass wir nun auch liebe Kolleginnen zu unserem Team zählen können.

Auch das stetig anwachsende Interesse an Gender- und Queertheorie musste berücksichtigt werden. Sowohl Studierende dieser Fachbereiche, als auch transgender- und transsexuell orientierte Menschen dürfen sich bei uns zuhause fühlen und finden sicherlich genügend Lesestoff. Desweiteren haben wir es der ausgiebigen Recherche unseres Kollegen Franz zu verdanken, dass die queere Filmabteilung zu einem Bereich angewachsen ist, der an Umfang absolut seinesgleichen sucht.

Kurzum bleibt zu vermerken, dass sich trotz struktureller Veränderungen des Sortiments, der Geschäftsführung und den veränderten Ansprüchen und Vorlieben des modernen Großstadthomos angepassten Ladenprofils doch einige Konstanten erhalten haben, die unserer Meinung nach die Existenzberechtigung eines schwullesbisch/queeren Buchladens ausmachen: die Liebe zu Büchern und zur schwulen Kultur, die Freude an der persönlichen Beratung und Empfehlung, unbedingte Szenenähe und eine Lockerheit und Weltoffenheit, die schon Ende der 70er und hoffentlich auch noch in ferner Zukunft einen Anziehungspunkt für Menschen jeglicher Ausrichtung jenseits der Normen einer heterosexuell geprägten Kulturlandschaft bilden wird.

 

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